Risikoszenario rückt näher
Kolumne Dr. Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank
Frankfurt, 22. Mai 2026
Mit jeder Woche, in der es keinen diplomatischen Fortschritt bei der Beendigung des Irankriegs gibt, verdüstern sich die Schatten, die der Konflikt über die weltweiten Kapitalmärkte wirft. Durch die anhaltende Blockade der Seestraße von Hormus rückt das bisherige Risikoszenario einer physischen Knappheit an Öl- und Ölprodukten sowie an anderen chemischen Grundstoffen immer näher. Die vorherrschende geopolitische Einschätzung der Finanzmarktteilnehmer lautete bislang, dass die Lieferketten wiederhergestellt sein würden, bevor eine physische Angebotsknappheit einsetzen würde. Insbesondere an den Aktienmärkten vertraute man zusätzlich auf robuste Konjunkturimpulse aus dem Technologiesektor als wirksames Gegengewicht gegen die Energiepreisbelastungen aus dem Irankrieg. In der abgelaufenen Handelswoche ließen die Marktteilnehmer von dieser Zuversicht noch nicht ab. Der Dax schwankte überwiegend in seiner Handelsspanne seit Anfang Mai von etwa 1000 Punkten nahe seiner bisherigen Höchststände. Die mit Spannung erwarteten Quartalszahlen von Nvidia fielen zwar im Rahmen der Schätzungen aus, Impulse für die Aktie blieben aber aus. Etwas stärkere Reaktionen zeigten die Anleihemärkte. Hier wurden bereits höhere Inflationsgefahren durch die neue Energiepreiswelle eingepreist: Leitzinserwartungen stiegen an, ebenso wie die Renditen über das gesamte Laufzeitenspektrum. Mittlerweile setzen sich die Analysten allerdings verstärkt mit dem Risikoszenario einer anhaltenden Blockade der Liefermengen aus dem Persischen Golf auseinander. Weitere deutliche Preissteigerungen beim Rohöl hätten makroökonomische Auswirkungen: Die Konsumnachfrage weltweit würde beeinträchtigt, ebenso die Investitionstätigkeit. Produktionskürzungen würden zusätzlich konjunkturbremsend wirken. Steigende Inflationserwartungen würden weiter steigenden Zinsen nach sich ziehen. In Europa deuteten die neuesten Umfrageergebnisse unter den Einkaufsmanagern in dieser Woche auf eine schwache Wirtschaftsaktivität im zweiten Quartal hin.





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